Religiöser Wahn und wissenschaftliche Neugier stehen sich im Endzeithorrorsequel „28 Years Later: The Bone Temple“ gegenüber.
Spike im Schatten
Geschlagene 18 Jahre brauchte es, bis auf der großen Leinwand die Welt des 2007 veröffentlichten Zombiethrillers „28 Weeks Later“, seinerseits ein Sequel von „28 Days Later“ (2002), wieder erkundet wurde. Drehbuchautor Alex Garland und Regisseur Danny Boyle, die das Ursprungswerk der Endzeithorrorreihe um ein Menschen in wilde Bestien verwandelnden Virus auf den Weg gebracht hatten, kehrten für den dritten Teil „28 Years Later“ zurück, der, so war früh zu hören, den Auftakt für eine neue Trilogie bilden sollte. Das vierte Kapitel „28 Years Later: The Bone Temple“ wurde gleich im Anschluss gedreht und kommt daher bereits knapp sieben Monate nach Erscheinen des Vorgängers in die Kinos. Ganz so schnell wird es beim nächsten Film nicht gehen. Denn erst im Dezember 2025 gab es grünes Licht für einen weiteren Nachschlag.
Der als ausführender Produzent nach wie vor involvierte Boyle (soll auch den fünften Franchise-Beitrag inszenieren) räumte den Regieplatz dieses Mal für Nia DaCosta, die sich im Horrorgenre schon mit „Candyman“ (2021), einer Fortsetzung von „Candymans Fluch“ (1992), ausprobiert hatte. Das Skript steuerte erneut der einzig an „28 Weeks Later“ nicht beteiligte Garland bei. Was nach dem, vor allem in der zweiten Hälfte, erstaunlich bewegenden „28 Years Later“ auffällt: Der erzählerische Fokus verschiebt sich, sprich: Jungprotagonist Spike (Alfie Williams), der im letzten Film noch eine spannende Entwicklung durchlief, hat nun spürbar weniger Entfaltungsraum. Ins Zentrum rücken der frühere Hausarzt Ian Kelson (Ralph Fiennes) und der prollige, Jogginganzug tragende Guru Sir Lord Jimmy Crystal (Jack O’Connell), dessen seltsamer Gemeinschaft Spike am Ende von „28 Years Later“ über den Weg lief.
Dieser etwas trashig wirkende Epilog war dann auch der größte Schwachpunkt einer grimmig-ernsten Coming-of-Age-Geschichte, die aus der Begegnung zwischen dem seine todkranke Mutter Isla (Jodie Comer) umsorgenden Spike und Dr. Kelson eine überraschende emotionale Kraft zog. Dominierte eine ganze Weile intensiver blutiger Überlebenskampf, legte sich nach besagtem Zusammentreffen eine nachdenklich-spirituelle Stimmung über das Geschehen – was man in dieser Form nicht erwarten durfte.
Den von Ralph Fiennes charismatisch gespielten Mediziner verließ Spike jedoch noch vor besagtem Epilog. Zu Beginn von „28 Years Later: The Bone Temple“ kann sich der Junge in einer Auseinandersetzung auf Leben und Tod einen Platz in Jimmy Crystals Sekte sichern, dieser von Trainingsklamotten und blonden Langhaarperücken begeisterten Truppe, in der alle den Namen des Anführers verpasst bekommen. Dass er sich in schlechte Gesellschaft begeben hat, merkt Spike recht bald. Denn die Satan anbetende Gemeinschaft zieht mordend durchs Land und verkauft brutalste Folter als einen Akt der Nächstenliebe. Das große Krisenszenario, der Ausbruch der Rage-Virus genannten Erkrankung in „28 Days Later“ und der Zusammenbruch der Zivilisation im mittlerweile unter Quarantäne stehenden Großbritannien, hat Jimmy und seine Jünger in einen religiösen Wahn gestürzt. Auf überspitze Weise spiegelt Garland hier einige erschreckende Auswüchse der Covid-Pandemie. Dass unkontrollierbare, schwer fassbare Ereignisse die verrücktesten Reaktionen hervorrufen können, hat man in den letzten Jahren leider zur Genüge beobachten können.
Das Virus verstehen
Machte Jimmys Zirkel bei seinem Kurzauftritt in „28 Years Later“ noch einen seltsam lächerlichen Eindruck, geht von ihm in der Fortsetzung eine verstörende, nun weniger alberne Wirkung aus. Als Gegenstück zu diesem völlig pervertierten Glaubenseifer bringt das Drehbuch Dr. Ian Kelson in Stellung. Der sich komplett mit Jod (hält angreifende Infizierte ab) einreibende Arzt bezeichnet sich zwar selbst als atheistisch. Gleichzeitig errichtet er aber aus Knochen und Schädeln von Verstorbenen mitten in der Landschaft ein monumentales Mahnmal, das schon im Vorgänger zu bestaunen war. So makaber dieses Gebilde auch aussehen mag, erinnert es doch auf seltsam tröstende Weise an die Toten, die in seinen Augen nicht vergessen werden dürfen.
Was Kelson außerdem von Jimmys blutrünstigem Fanatismus unterscheidet: Er begegnet der über Großbritannien hereingebrochenen Apokalypse, wie es sein Beruf vermuten lässt, mit wissenschaftlicher Neugier. Einem von ihm Samson getauften Rage-Infizierten (Chi Lewis-Parry) von enormer Größe und Stärke, der in „28 Years Later“ bloß als wilde, zottelige Killermaschine unterwegs war, nähert sich Kelson in „28 Years Later: The Bone Temple“ mithilfe seiner Betäubungspfeile behutsam an. Über eben diese eigenwillige Art von Freundschaft gewinnt der Film dem Virus noch einmal neue Facetten ab. Mehr noch: Am Ende hat Samson tatsächlich so etwas wie eine Seele.
Während der emotionale Anker bei dem Arzt zu finden ist, kommt Spikes Entwicklung ins Stocken. Zuweilen wirkt er nicht mehr wie ein Handlungsträger, sondern wie ein paralysierter Mitläufer. Obwohl er sich bei Jimmy und seinen Mitstreitern merklich unwohl fühlt, lässt er gute Fluchtmöglichkeiten verstreichen. Als Teenager ist er mit der Situation natürlich überfordert. Und doch wirft sein Verhalten einige Fragen auf. Erst durch den Austausch mit Jimmy Ink (Erin Kellyman), einer zweifelnden Sektenanhängerin, rückt Spike wieder etwas mehr in den Vordergrund. Wundern dürften sich manche Zuschauer auch, dass die Macher andere Figuren aus „28 Years Later“ komplett links liegen lassen. Was mit Spikes Vater Jamie (Aaron Taylor-Johnson) und dem Neugeborenen einer Rage-Infizierten passiert, darauf geht der vierte, sich am Ende ein wenig zu sehr in plakativer religiöser Symbolik suhlende Reihenteil nicht ein.
Inszenatorisch liefert Nia DaCosta überzeugende Arbeit ab, selbst wenn „28 Years Later: The Bone Temple“ etwas weniger Energie versprüht als der in der ersten Hälfte fast nur aus Verfolgungsjagden bestehende Vorgänger. Spannende, eindringliche Momente und saftig-derbe Splatter-Einlagen kommen auch im Sequel nicht zu kurz. Erzählerisch schlägt der Film auf den letzten Metern einen Bogen, der Fans der Endzeitsaga erfreuen könnte. Altes und Neues, so sieht es aus, werden in der nächsten Fortsetzung miteinander verzahnt.
Fazit
„28 Years Later: The Bone Temple“ entwirft ein atmosphärisches Endzeitpanorama und hebt sich mit einigen überraschenden Ideen klar von Zombiehorrormassenware ab. Schade ist allerdings, dass die Reise der Hauptfigur des vorangegangen Teils spürbar an Wucht verliert.
Autor: Christopher Diekhaus

