Endlich wieder Star Wars im Kino! Zum ersten Mal seit „Episode IX“ gibt es wieder Star Wars auf der großen Leinwand zu sehen …
Life’s messy
Ich spare mir die Zusammenfassung der Handlung und auch der Vorgeschichte von „Star Wars: The Mandalorian and Grogu“ einfach mal. Zum einen wird alles in jedem einzelnen der vielen Trailer erklärt, denen man bereits seit geraumer Zeit nicht zu entgehen vermag. Zum anderen haben die verschiedenen Figuren im Film einen großen Teil der Laufzeit auch nichts anderes zu tun, als uns sowohl Vorgeschichte als auch Handlung des Films zu erklären.
Interessant ist der Film trotzdem. Nein, nicht wegen seiner Handlung. Die ist eine langweilige Ansammlung altmodischer Filmklischees und -muster. Wenn man das Weltall, die Raumschiffe, die Aliens und Droiden ausblendet, hat man einen Film, wie er im Laufe der letzten Hundert Jahre viele Mal gedreht wurde, bloß eben mit Darstellern wie John Wayne, Arnold Schwarzenegger oder Clive Owen statt Pedro Pascal und verschiedenen Stuntleuten in der Hauptrolle. Und selbst das Weltall, die Raumschiffe, die Aliens und Droiden machen diesen Film nicht interessant, weil wir praktisch alles, aber auch wirklich alles in diesem Film im Verlauf der letzten 49 Jahre schon oft gesehen haben.
Dieser Film ist überaus interessant, weil er uns sehr gut erkennen lässt, was, nicht nur bei Star Wars, sondern in der gesamten Filmbranche in letzter Zeit falsch läuft. Dass wir alles, was wir in diesem Film zu sehen bekommen, bereits allzu oft gesehen haben, habe ich bereits erwähnt. Aber dessen sind sich die Macher des Films wohl bewusst. Denn irgendwie sehen sie es als ihre Aufgabe an, dem Publikum einfach nur mehr von dem zu geben, was ihm zuvor schon oft gefallen hat. Sehr viel mehr. Und natürlich in besserer Qualität. Und länger. Aber vor allem mehr davon. Wen juckt’s, wenn dieses Vorgehen weder kreativ noch originell ist? Kathleen Kennedy sicher nicht. Die scheidende Chefin von Lucasfilm schert es doch nicht einmal, dass sie damit allem widerspricht, was Star Wars einmal besonders gemacht hat.
George Lucas hatte sicher seine Fehler. Aber der Mann hat dem Publikum (oder dem Studio) kaum jemals einfach gegeben, was es wollte. Nachdem er mit der düsteren Dystopie „THX 1138“ einen ersten Achtungserfolg verzeichnen konnte, dreht er mit „American Graffiti“ eine bittersüße Reminiszenz an die eigene Jugend und löste damit die erste amerikanische Nostalgiewelle aus. Aber statt mehr desgleichen zu liefern, machte Lucas sich an ein Projekt, das so anders und absonderlich war, dass die meisten Studios nichts damit zu tun haben wollten. Nachdem daraus doch noch die erfolgreichste Film-Saga aller Zeiten wurde, lieferte er die folgenden anderthalb Jahrzehnte praktisch nichts an „Star Wars“, um dann mit „Episode 1“ eine Art aufwendigen Kinderfilm mit den bis dahin härtesten Lichtschwertkämpfen der Filmgeschichte und langweiligen politischen Verwicklungen über Handelsrouten zu drehen.
Anders als Lucas haben Disney und Kathleen Kennedy sich verschworen, den Fans immer und immer wieder neue Variationen dessen zu bieten, was ihnen zuvor schon oft gefallen hat. Also sehen wir bereits in der allerersten Szene einen dieser kleinen rollenden Roboter, wie ihn Chewbacca bereits vor fünf Jahrzehnten im ersten Todesstern angebrüllt hat. Wir bekommen imperiale Walker zu sehen und weil sich seit Episode V die die filmtechnischen Möglichkeiten enorm weiter entwickelt haben, wird diesmal sogar auf und in den AT-ATs gekämpft. Wir sehen wieder einen der bemitleidenswerten Aussichtsposten auf einem Turm, obwohl man sich schon zur Zeit der Schlacht von Yavin gefragt hat, wozu man diese eigentlich braucht, wenn man über Weltraum-Radar verfügt? Wir sehen eine Variation des alten „in-Yodas-Hütte-stößt-man-sich-den-Kopf“-Gags und in einer Arena voller Monster meine ich sogar eine der Spielfiguren aus dem Holo-Brettspiel im Falken in Lebensgröße gesehen zu haben und so weiter und so fort.
Für all diesen Aufwand gibt es 100 Punkte für Fanservice, aber vollen Punktabzug in den Kategorien Originalität und Storytelling. Die Handlungen der Filme waren (bis zu „Rogue One“) nie die allerstärkste Seite von Star Wars. Aber das was in „Star Wars: The Mandalorian and Grogu“ die verschiedenen Actionsequenzen miteinander verbindet ist so dünn, man kann es kaum noch als roten Faden erkennen. Wenn dieses dünne rosa Fädchen immer und immer wieder erklärt, erläutert und kommentiert wird, ergibt das natürlich wunderbares „Second Screen Entertainment“, das es dem Publikum erlaubt nebenbei am Smartphone zu scrollen und nur noch alle 15-20 Minuten zu den Actionszenen aufzublicken. Für echte Filmfans ist das alles von geringem Wert. Und das führt zum nächsten Problem dieses Projekts.
This is the way
Ich habe „Star Wars: The Mandalorian and Grogu“ in dieser Rezension nun mehrmals als „Film“ bezeichnet. Das war natürlich grundfalsch und irreführend und ich entschuldige mich hiermit dafür. „Star Wars: The Mandalorian and Grogu“ ist kein „Film“, sondern einfach eine Doppelfolge einer Fernsehserie, mitsamt der öden, für Fernsehserien typischen Dramaturgie. Die Handlung besteht tatsächlich aus zwei verschiedenen Abenteuern, deren erstes bei der Hälfte der Laufzeit überstanden ist und deren zweites drei Minuten später beginnt. Am Ende ist „Star Wars: The Mandalorian and Grogu“ einfach „Content“, mehr nicht. Sehr gut gemachter “Content”, aber trotzdem einfach nur „Content“, der aus rein vertriebstechnischen Gründen zunächst im Kino gezeigt wird.
Zusätzlich zu den 100 Punkten für Fanservice verdient sich „SW: TMaG“ (wie ich den Titel für den Rest der Rezension abkürzen werde) auch noch die volle Punktzahl für Ironie wegen der Besetzung von Martin Scorsese als Stimme eines nervösen Imbisswirts. Herr Scorsese meinte bekanntermaßen vor wenigen Jahren über Marvel-Filme: „That's not cinema. Honestly, the closest I can think of them, … is theme parks. It isn't the cinema of human beings trying to convey emotional, psychological experiences to another human being.“ Betrachten wir also mal, welche emotionale oder psychologische Erfahrungen uns menschlichen Wesen in „SW: TMaG“ von anderen menschlichen Wesen vermittelt werden.
Die hier erzählte Waisenkind-Ersatzvater-Geschichte erreicht mich als menschliches Wesen weder emotional noch psychologisch je richtig. Der Kerl, der seinen Fimo-Helm praktisch nie abnimmt, hat zu der Handpuppe auf seiner Schulter, eine reine Zweckbeziehung. So ungeschickt wie er sich regelmäßig anstellt, ist es für ihn natürlich praktisch, wenn ihm eine machtsensitive Kasperlpuppe aus der Patsche helfen kann. Dafür zeigt der Kopfgeldjäger sich nie wirklich dankbar und ist auch kaum je freundlich oder nett zu der Puppe. An mehr als einer Stelle befiehlt er dem Kleinen „Heel!“ (auf Deutsch also „Bei Fuss!). Mein Vater war sicher kein warmherziger Mann. Tatsächlich wären manche seiner Erziehungsmethoden sogar im antiken Sparta ein Fall fürs Jugendamt gewesen. Aber das Kommando „Bei Fuss!“ habe ich von ihm nie gehört.
Übrigens, wer mir jetzt einreden will, dass die „emotionale oder psychologische Erfahrung“ der Beziehung zwischen dem Mandalorian und seinem Zögling in der Fernsehserie viel besser vermittelt wurde, belegt damit nur mein Argument, wonach „SW: TMaG“ bloß eine Doppelfolge einer Fernsehserie und damit „Content“ ist (siehe oben). Und weil ausgerechnet in den Marvel-Filmen die „emotionale oder psychologische Erfahrung“ einer Waisenkind-Ersatzvater-Beziehung bereits vor Jahren vorsichtig geschätzt tausendmal besser vermittelt wurde als hier, bekommt Regie-Altmeister und Teilzeit-Voice-Actor Scorsese persönlich nochmal 1000 Punkte für Scheinheiligkeit verliehen.
That’s a bad baby
„SW: TMaG“ ist also tatsächlich gar kein Film, sondern Fanservice, Second Screen Entertainment und am Ende einfach bloß Content. In einem solchen Projekt gibt es für Schauspieler*innen nichts zu gewinnen. Es gibt für sie ja auch kaum etwas zu tun. Ich kann es zwar nicht belegen, aber ich wäre bereit, einiges darauf zu verwetten, dass Pedro Pascal tatsächlich keine fünf Drehtage an diesem Film mitgewirkt hat. Selbst das Einsprechen seiner Dialogzeilen im Tonstudio sollte in wenigen Stunden erledigt gewesen sein. Bei einer Figur, die ständig einen Vollvisierhelm trägt, sollte es nicht schwer fallen, den Text „lippensynchron“ abzuliefern.
Sigourney Weaver bessert sich seit einigen Jahren ihre Rente mit unergiebigen Nebenrollen in allen möglichen Science-Fiction oder Fantasy-Franchises auf. Nach „Ghostbusters: Niemals stirbt man so ganz“ und „Avatar: Feuer am Arsch“, nun also auch bei Star Wars. Jetzt muss sie bloß noch auf der Brücke der Enterprise jemandem die Handlung erklären oder demnächst einen Terminator über Zeitreisen belehren. In „SW: TMaG“ sieht man die alte Dame kurz am Steuerknüppel eines X-Wing, weil … naja, natürlich gibt es am Ende auch wieder einen Angriff einer Staffel X-Wings auf ein wichtiges, mit Lasergeschütztürmen bewachtes Ziel. Kann daran noch irgendein Zweifel bestehen?
Jeremy Allen White war großartig in „Deliver my from Nowhere”. Hier leiht er seine Stimme einer Figur namens „Rotta the Hutt“, dem Sohn von Jabba the Hutt, der auf einem Planeten, der aus den alten Kulissen von „Blade Runner“ besteht, als eine Art Weltraum-Gladiator Karriere gemacht hat. Und nein, das habe ich mir nicht ausgedacht. Wenn während des Finales drei ausgewachsene Hutten miteinander kämpfen, sieht das etwa so uncool aus, wie es klingt und belegt bloß, dass man bei Lucasfilm irgendwann lernen sollte, dass man nicht alles, was man zeigen kann, auch zeigen muss.
Aber es wird wohl noch eine ganze Weile dauern, bis sich diese Einsicht durchsetzt. Unter den vielen animierten Nebenfiguren habe ich eine gesehen, die tatsächlich wie einer der vor einen halben Jahrhundert verworfenen Entwürfe Ralph McQuarries für die Figur des Chewbacca aussieht. Es wird also mittlerweile auch schon Ideen-Recycling betrieben.
Der Star des Films ist natürlich Grogu, der von niemanden dargestellt wird, weil er eine Handpuppe ist, die nicht spricht. Ja, ich weiß, auch Yoda wurde vor mehr als 45 Jahren von Frank Oz, einem der kreativen Köpfe hinter den „Muppets“ als Puppe entworfen, bedient und gesprochen. Aber wo Yoda sowohl witzig sein als auch stille Würde und Weisheit ausstrahlen konnte, wirkt Grogu wie ein bloße Vorlage für Merchandising-Artikel. Dazu passt auch, dass seine Fähigkeiten und Entscheidungen ausnahmslos immer den Erforderlichkeiten des Drehbuchs folgen. Einerseits ist das Kleinkind besser und schneller im Gebrauch der Macht als Luke Skywalker nach dem Training durch Yoda. Andererseits kapiert es nicht, welche Knöpfe in einem Raumschiff zu drücken sind. So schafft man Content. So verkauft man Spielzeug. Emotionale oder psychologische Erfahrungen vermittelt man auf die Art nicht. Und einen richtigen Film dreht man auf die Art auch nicht.
Fazit
Endlich wieder Star Wars im Kino! Leider ist das Ganze kein Film im tatsächlichen Sinn des Wortes, sondern bloßer Content. Recht gut gemachter Content, mit jeder Menge Wiedererkennungswert. Aber eben leider bloß Content. Auf einen richtigen Film aus der weit, weit entfernten Galaxis müssen wir wohl leider noch eine Weile warten.
Autor: Walter Hummer

