Verhaltenstherapie auf die harte Tour: Troublemaker Tommy findet sich plötzlich im Keller einer höchst seltsamen Familie wieder.

Problemkind mit Kette um den Hals

Filme mit dem Titel „Good Boy“ haben in den letzten Jahren Hochkonjunktur. 2022 erschien die norwegische Produktion „Good Boy“, in der sich alles um tierische Fetischrollenspiele dreht. Im März 2025 erblickte der komplett aus der Perspektive eines Hundes erzählte Independent-Horrorstreifen „Good Boy - Trust His Instincts“ das Licht der Welt. Und nur einige Monate später feierte der satirische Gesellschaftsthriller „Good Boy - Wir wollen nur dein Bestes“ seine Premiere. Letzterer erhält nun, nach seiner Vorführung bei den Fantasy Filmfest Nights im April 2026, auch einen regulären deutschen Kinostart.

Inszeniert wurde die britisch-polnische Gemeinschaftsarbeit von Jan Komasa, der mit seinem 2019 veröffentlichten Drama „Corpus Christi“ internationale Bekanntheit erlangt hatte. Hier wie dort steht ein junger Delinquent im Mittelpunkt: Schon die rastlosen, stakkatoartig geschnittenen, mit hämmernden Beats unterlegten Auftaktszenen von „Good Boy - Wir wollen nur dein Bestes“ bringen das Leben des 19-jährigen Tommy (Anson Boon) auf den Punkt. Für den Teenager gibt es kein Halten, wilde Feiern, Drogen, wüste Schlägereien bilden den Kern seines Daseins, das er stolz wie Bolle in den sozialen Medien präsentiert.

Nach einer völlig entgleisten Partynacht bricht er auf dem Nachhauseweg zusammen – und wird von einem Autofahrer eingesammelt. An dieser Stelle erlaubt sich der Film einen kleinen Bruch und führt die mazedonische Putzkraft Rina (Monika Frajczyk) ein, die der auf spießig getrimmte Toupetträger Chris (Stephen Graham) unter Verweis auf strenge Geheimhaltung als Haushaltshilfe engagiert.

Warum der mit seiner Ehefrau Kathryn (Andrea Riseborough) und Sohn Jonathan (Kit Rakusen) irgendwo im Hinterland lebende Mann so sehr auf Diskretion bedacht ist, erkennt Rina, als sie den Keller des Paares betritt. Dort angekettet ist Tommy, dem die Familie ein paar Lektionen in Sachen Benehmen erteilen will. Dass Rita nicht sofort Reißaus nimmt, was jeder halbwegs normal denkende Mensch tun würde, erklärt das Drehbuch mit ihrem prekären Aufenthaltsstatus und einer ominösen Vergangenheit, vor der sie offenbar davonrennt.

Lanthimos light

Das Grundkonzept weckt Erinnerungen an Stanley Kubricks kontroversen Klassiker „Uhrwerk Orange“ von 1971 und die langlebige „Saw“-Reihe. Blutige Eskapaden, wie sie in den Filmen um den mit moralischem Zeigefinger wedelnden Rätselkiller zum Standardprogramm gehören, interessieren Komasa und sein kreatives Team jedoch wenig. Im Fokus steht die eigenartige Dynamik im Anwesen von Chris und Kathryn, deren Rollen bloß auf den ersten Blick klar verteilt sind.
 
Er ist derjenige, der Tommy gefangen nimmt, der ihn körperlich maßregelt, wenn der Jugendliche über die Stränge schlägt. Die von Stephen Graham eingenommene, stets etwas unsichere Körperhaltung lässt allerdings früh erahnen, dass Chris nicht unbedingt die treibende Kraft darstellt. Die blasse Kathryn wirkt anfangs wie ein Geist, ein apathisches Wesen, zeigt aber in späteren Momenten, wie unnachgiebig sie sein kann. Noch dazu blüht sie während Tommys Anwesenheit langsam etwas auf.

Der junge Problemsucher ist zunächst ganz in seinen alten Mustern gefangen, schreit und droht, widersetzt sich allen „Erziehungsmethoden“, scheint aber plötzlich seine Menschlichkeit zu entdecken – zumindest ein bisschen. Den Wunsch nach Freiheit gibt er zwar nicht auf. Schrittweise kommt es jedoch zu einer Annäherung, die ihm verbesserte Bedingungen beschert. Spielt er aus Eigennutz und Selbstschutz nur ein Spiel? Oder fasst er wirklich Vertrauen? Will er sich ernsthaft wandeln? Mit Antworten hält sich der Film bewusst zurück, was Tommys emotionale Reise manchmal schwerer nachvollziehbar macht.

Überhaupt lässt „Good Boy - Wir wollen nur dein Bestes“ einiges in der Schwebe. Auch, was die Vergangenheit der Familie betrifft. Bemühungen, die Geschichte mit Substanz zu füllen, beispielsweise durch literarische Bezüge und Gedanken über den Reiz einer Traumwelt, überzeugen nur bedingt, bleiben zuweilen in der Luft hängen.

Auf der Suche nach filmischen Vorbildern bieten sich nicht zuletzt die zwischen Absurdität und Unbehagen changierenden Arbeiten eines Yorgos Lanthimos („Poor Things“) an. Schafft es der griechische Ausnahmeregisseur oft, eine beklemmend-surreale Stimmung zu erzeugen, fehlt es Komasas Thriller-Groteske bei allen bizarren Drehbuchvolten (Stichwort: Schienensystem!) an der nötigen klaustrophobischen Durchschlagskraft – trotz eindringlicher Darbietungen, vor allem von Boon, Graham und Riseborough.
 
Gerade zum Ende hin lässt die Spannung nach, da sich der Film ein Stück zu sehr vergaloppiert. Als billiger dramaturgischer Kniff entpuppt sich darüber hinaus die Figur der Hausangestellten, die es einzig für die Mechanik der Erzählung braucht. Hat Rina ihre Schuldigkeit im Plot-Gerüst getan, verschwindet sie kurz und schmerzlos aus der Handlung. Von Eigenleben keine Spur!

Fazit

Schwarze Thriller-Komödie mit knackiger Prämisse und reizvollen Ideen, die allerdings mehr Biss und Spannung vertragen könnte.
 
 
Autor: Christopher Diekhaus