Der meist kritisierteste Film 2026, schon vor Kinorelease! Hat Nolan mit der Odyssee ein weiteres Meisterwerk geschaffen oder ist seine Erfolgsgeschichte vorbei?
Die große Reise
Odysseus (Matt Damon) zieht für seinen Anführer Agamemnon (Benny Safdie) gegen die Stadt Troja in den Krieg. Mit dem berüchtigten hohlen Holz-Pferd, in dem sich die Soldaten verstecken, gelangen sie hinter die Mauern der Stadt und greifen die Trojaner an. Nach dem Sieg macht sich Odysseus zurück auf den Weg nach Ithaka, seinem Zuhause, wo seine Frau Penelope (Anne Hathaway) und sein Sohn Telemachus (Tom Holland) auf ihn warten.
Über die Jahre haben sich Freier in ihrem Haus versammelt, die darauf warten, dass Penelope den Thron von Odysseus durch eine Heirat neu besetzt. Doch dieser kommt auf seinem Heimweg immer wieder von seinem Weg ab. Monster, Götter und die eigene Menschlichkeit machen es ihm und seinen Männern schwer. Das Ende kennt jeder…oder wer es nicht kennt, der wird hier erstmal vor Spoilern geschont.
Der Ansturm ist groß
Woran erkennt man einen Christopher Nolan Film? Anscheinend an der überfüllten Pressevorführung. Auch die regulären Kinosäle sind bereits gut ausgebucht, vor allem im IMAX Format. Der große Ansturm kommt natürlich nicht von irgendwoher, denn Nolans Filme werden mittlerweile auch über seine Fangemeinde hinaus, heiß erwartet und stark diskutiert.
Doch die Odyssee hat es dieses Mal besonders getroffen, denn das Internet brennt, sobald der Film kurz angesprochen wird. Nolan selbst hält sich bekanntlich nicht im Internet auf und kann das Drama wohl beruhigt ignorieren, aber sollte er das? Ist die voreilige Kritik gerechtfertigt? Nachdem ich den Film gesehen habe, sage ich: teilweise.
Nolan Fan Girl?
Vorher möchte ich gerne die Perspektive, die meiner Meinung zu Grunde liegt erläutern. Ich selbst bezeichne mich als Christopher Nolan Fan…und allein diese Aussage sorgt schnell für einen herabwürdigenden Blick in der Kritiker-Community. Nolan ist so groß geworden, dass es mittlerweile uncool ist ihn zu mögen…zu wenig Nische!
Und natürlich gibt es auch berechtigte Kritik so z.B. seine Unfähigkeit mehrschichte Frauen zu schreiben…wobei ich der Aussage nach Tenet wiedersprechen würde. Während ich also alle Filme von Nolan gesehen und für gut befunden habe, ist Oppenheimer der Film, den ich am wenigsten mag. Der Grund: Ich besitze kaum tiefgreifende Ahnung von Geschichte. Und dieser Fakt hat mir vor dem Screening von die Odyssee Sorgen gemacht, denn auch hier hatte ich von dem Originalmaterial nur oberflächliches Wissen.
Kein Studium notwendig
Für alle die also dieselbe Sorge haben: ich kann euch beruhigen! Der Film ist auch ohne großartige Vorkenntnisse beim ersten Schauen absolut verständlich… im Gegensatz zu Tenet. Für Kenner der Geschichte kann ich nicht sprechen, aber bei dem Ansturm auf diesen Film kann gar nicht jeder ein Archäologe oder Literaturprofessor sein. Trotzdem ist es nicht schlecht vorher zumindest eine kleine Zusammenfassung zu lesen, um sich etwas entspannter auf die Reise einzulassen zu können.
Altes und Neues
Nolan spielt oft und gerne mal mit der Zeit in seinen Filmen und auch hier gibt es nicht nur eine Zeitebene, auf der erzählt wird. Jedoch bleiben diese Ebenen doch recht simpel und einfach zu verstehen. Statt mit der Zeit spielt Nolan dieses Mal mit dem Fantasy Genre und driftet auch mal in den Horror ab.
Das ist gewöhnungsbedürftig, aber super spannend! Er baut eine Welt voller Gefahren und Monster auf, in der man sich gruselt und ekelt. Von der Leinwand weggucken geht trotzdem nicht, denn die Augen sind wie angeklebt an die Leinwand. Die Situationen sind so voller Energie geladen, dass man sich wie vor Ort fühlt. Das 70mm Format trägt dazu auch Einiges bei.
Der Meister bei der Arbeit
…und wenn wir schon Mal beim visuellen sind: es wurde echt wieder gezaubert! Einer der wohl besten Kameramänner der Welt, Hoyte van Hoytema, fängt die Szenerien mit einer Magie ein, die mittlerweile selten geworden ist. Jedes Bild ist toll anzusehen. Das Licht ist extrem gut gelungen und, typisch Nolan, super natürlich und nicht digital eingefügt.
Das sorgt dafür, dass wir einen Film bekommen, der sich roh und echt anfühlt…und wie aus einer anderen Zeit. Von blue-hour Panorama-Aufnahmen, bis zu dunklen Szenen im Kerzenschein: die Farbpalette löst viel Dopamin aus! Je größer, desto besser stimmt in diesem Fall also absolut. Ich freue mich darauf die massive Bildgewalt nochmal in IMAX zusehen.
Ein Brett
Und was brauchen tolle Bilder? Natürlich eine passende Musik! Ludwig Göransson hat hier wieder ein richtiges Brett rausgehauen und enttäuscht nicht. Noch besser kommt der Soundtrack jedoch zum Vorschein, weil mit gewählten Momenten der Stille gearbeitet wurde. Die Ruhe lässt den darauffolgenden Knall in Form von Musik nochmal viel mehr glänzen. Aber auch abseits der Musik ist die Odyssee auf der Audio Ebene sehr hypnotisierend und jedes Geräusch wurde perfekt ausgewählt. Die Sound Effekte wummern durch das Kino und ziehen einen in die Geschichte.
Hollywood statt Griechenland
Einer der größten Diskussionspunkte rund um die Odyssee war das Hollywood Casting. Statt authentische, griechische Schauspieler zu besetzen, entschied Nolan sich für eine teures Repertoire der zurzeit angesagtesten Schauspieler. Was die Besetzung angeht, war er schon immer mutig. Wir erinnern uns an Heath Ledger, der eine Gegenreaktion riesigen Ausmaßes erhielt, als er die Rolle des Jokers bekam…bis alle den Film gesehen haben. Er ging als Legende mit einem Oscar von dieser Welt.
Für mich hatte Nolan also ein Vertrauens Bonus und was soll ich sagen…Griechische Schauspieler wären besser gewesen. Vor allem Tom Holland als Odysseus Sohn reißt durchgehend aus der Illusion. Wir kennen die Gesichter mittlerweile zu gut und es ist schwierig allen abzukaufen, dass sie aus der vorgegebenen Zeit stammen. Frische und unbekannte Gesichter hätten dem Film mehr Authentizität und Immersion verleihen können.
Übeltäter: Budget?
Nolan hatte schon immer seine Favoriten und wollte mit Holland und Zendaya vielleicht auch ein wenig der Angst aus dem Weg gehen, dass der Film ein Flopp wird. Denn mit seinem riesigen Budget muss er auch riesige Zuschauermassen anlocken. Und ohne das Casting…wer weiß…vielleicht wäre der Film ähnlich wie Dunkirk quasi untergegangen. Aber ohne die Hollywood Elite wäre die Produktion wohl auch wesentlich günstiger geworden. Was Nolan vielleicht für eine finanzielle Stärke hielt, schätze ich als Schwäche des Filmes ein.
Leere Gesichter
Mit keinem der Charaktere kann man sich identifizieren oder mitfühlen. Trotz der Sympathie zu den Schauspielern selbst, konnte ich keine Sympathie zu den Charakteren aufbauen. Selbst Robert Pattinson, als einer der Besten im Ensemble, bleibt auf der Ebene „gut“. Keiner ist hervorragend. Das Material bringt eine gewisse emotionale Distanz mit sich, aber alles rechtfertigt es auch nicht.
Wo im Vorhinein ein großer Wirbel um die Performance von Zendaya als Athena gemacht wurde, bleibt man im Kino eher enttäuscht zurück, denn ihr Charakter hat insgesamt vielleicht 3 Sätze zu sprechen. Wie es zu der Situation kam, dass Nolan ihr das rare Feedback „perfekt“ aussprach, wird nicht klar. Vielleicht war ihre Relevanz für den Film so gering, dass es Nolan egal war und er nur schnell weiterfilmen wollte. “Perfekt“ also, für das, was eben da war.
Fokus auf die Nebencharaktere
Matt Damon als Hauptcharakter ist auch eher langweilig anzusehen. Wie so oft kamen die Highlights wieder in Form von Nebencharakteren daher, denn Himesh Patel als treuer Soldat von Odysseus und Samantha Morton als Hexe spielen überzeugend und geben einen frischen Wind in die Dialoge.
Genauso sind auch Mia Goth als Melantho und John Leguizamo als Eumaeus positiv hervorzuheben. Benny Safdie als Agamemnon hat zwar weniger Text als Zendaya, aber dafür hundertmal mehr Aura, was aber wohl dem Kostüm geschuldet ist…
Nur das Äußere zählt?
Die Kostüme haben schon beim Release des ersten Trailers für großen Aufruhr gesorgt, denn authentisch sollen diese wohl nicht sein. Dieses Problem hat bei mir für Verwirrung gesorgt, denn wir haben hier den Regisseur von Interstellar vor uns, der bekannt dafür ist, echte Wissenschaftler in die Produktion einzubinden.
Die Darstellung eines schwarzen Lochs in Interstellar war revolutionär und der Realität extrem nah, obwohl es zu der Zeit noch kein Foto gab. Kann dieser Detail-Freak wirklich so gedankenlos die Authentizität der Kostüme ignorieren? Meine Theorie ist, dass er sehr wohl mit Bedacht vorgegangen ist. Aber was die Gründe waren, bleibt trotzdem schwammig. Es lässt sich aber sagen, dass die Kleidung als Normalverbraucher absolut gelungen und episch wirkt. Eben passend zu Nolans Stil und der erzählten Geschichte. Und es bleibt eine Fiktive Geschichte, auch wenn sie auf realen Orten beruht.
Dreh-Bedingungen
Was mich hingegen gestört hat, war der Gebrauch von echten Schafen für einige Szenen. Denn wo die Schauspieler sich abkämpfen mussten und davon berichten, dass es ihr bisher anstrengendster Dreh war, hatten die Tiere keine Wahl. Abgesehen davon: ist es nicht generell schwierig mit schlechten Arbeitsbedingungen zu prahlen?
Die Crew war angeblich einfach nur dankbar ein Teil des Projekts zu sein. Diese Glorifizierung und Machtverteilung am Set lässt sich aber auch schnell ausnutzen. Grenzen können überschritten werden, auch wenn alle gerne dabei sind. Unter den Umständen ist es aber zumindest verständlich, warum so schlecht geschauspielert wurde.
Genug Negatives
Das klingt alles bis hierhin erstmal sehr negativ, aber wo das Schauspiel schlecht abschneidet, bleibt der Rest spektakulär. Die Monster profitieren von Nolans praktische-Effekte-Wahn, denn sie sehen genial aus. Für genau diesen Einsatz schätze ich Nolans Herangehendweise. Statt mit Menschen in grünem Anzug vor grüner Leinwand zu arbeiten, werden echte Sets gesucht. Man glaubt den Bildern die Geschehnisse, denn man weiß, das wurde wirklich genauso gefilmt.
Das Gesamtbild
Die Wichtigste Frage kommt aber zuletzt: Macht die Odyssee Spaß? Die Antwort lautet Ja! Man wird trotz einiger Schwachstellen durchgehend unterhalten und will nicht wegschauen. Mit einer Länge von nicht ganz 3 Stunden ist die Odyssee nur ein wenig kürzer als sein Vorgänger Oppenheimer. Trotzdem fühlte er sich durch seine Kurzweiligkeit wesentlich kürzer an. Und doch bleibt am Ende das Gefühl, eine ganze Trilogie gesehen zu haben, denn wir haben am Ende eine jahrelange Reise hinter uns. Es macht Spaß ein Teil dieses Abenteuers zu sein und in eine ganz andere Welt abzutauschen.
Wo ich Tenet erst um die drei Mal im Kino sehen musste, um von Verwirrung zu Wertschätzung zu wechseln, bin ich hier direkt beim ersten Mal in den Bann gezogen. Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass kein gegenteiliger Effekt eintritt und die Meinung beim dritten Mal ins Schlechte abdriftet. Aber auch dann hatte ich meinen Spaß mit dem Film.
Fazit
Die Odyssee ist das Ergebnis aller Christopher Nolan Filme. Von Dunkirk, über Tenet bis zu Oppenheimer, in die Odyssee kann man alles wiederfinden. Das Gesamtergebnis zeigt Nolans Entwicklung von Memento bis heute. Er passt sich perfekt in Nolans Filmografie ein und setzte einen Punkt. Und auch, wenn wir seine alten Filme wiedererkennen, sehen wir viel Neues. Nolan präsentiert uns ein cinematopgraphisch wunderschönes, massives und hypnotisierendes Blockbuster-Monument abgeliefert.
Autorin: Melanie Fibich